Anthropozän (griech.: anthropos=Mensch, kainos=das Neue) ist ein Begriff, der 2000 durch den Metereologen Paul Crutzen und den Biologen Eugene Stoemer geprägt wurde und seitdem zur Diskussion steht. Es handelt sich grundsätzlich um den Vorschlag, eine neue geologische Epoche zu benennen, welche das Holozän abgelöst hat [1].
Dem Vorschlag zu Grunde liegt die Annahme, dass das menschliche Handeln als dominierender Faktor auf der Erde sichtbare, dauerhafte und global wirkende Veränderungen nach sich gezogen hat, welche mitunter auch äußerst negative Effekte auf die Ökologie zur Folge haben [2].
Christian Schwägerl gemäß kann die „Anthropoisierung der Erde", welche die Klassifikation zu diesem neuen Erdzeitalter rechtfertige, anhand folgender Faktoren verdeutlicht werden: Dies ist zunächst die durch Technologien unterstütze Fähigkeit zur Generalisierung, also die Möglichkeit desMenschens, fast überall auf der Erde zu leben. Teil dieses Prozesses ist zudem ein extremes Ansteigen der Bevölkerungszahlen von den derzeit rund 7,6 Milliarden auf der Erde lebenden Menschen zu den prognostizierten elf Milliarden im Jahr 2100, sowie damit verbunden der stetig wachsenden Bedarf an zusätzlichen Ressourcen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln, an Nutzungsflächen, an Energie und mehr. Auch zeigt sich ein zunehmender Einfluss des Menschen auf geologische, biologische, chemische und physikalische Abläufe, die zuvor weitgehend unabhängig stattgefunden haben (Schwägerl 2016, 43f).
Die Anthropocene Working Group arbeitet derzeit daran, möglichst viele Daten zu erheben, um die globalen Veränderungen zu kartieren und somit die Benennung Anthropozän und deren Bedeutung als neues Erdzeitalter zu rechtfertigen. Zudem wird nach wie vor eine sinnvolle Markierung gesucht, um das Ende des letzten Erdzeitalters, also des Holozän und den Beginn des Anthropozän zu definieren. Paul Crutzen tendiert dazu, die neue Zeitrechnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ab der intensivierten Nutzung der Atomkraft und der weiterhin zunehmenden Zerstörung von Lebensräumen auf der Erde, zu legen.
Kritische Stimmen wie das Künstlerkollektiv The Otolith Group, der Kunsthistoriker T. J. Demos und weitere plädieren allerdings für einen Beginn der neuen Zeitrechnung mit der Epoche des europäischen Imperialismus ab dem 16. Jahrhundert und dessen bis heute anhaltende (post-)koloniale Auswirkungen. Bevorzugt werden in diesem Kontext andere Begriffe wie Kolonialozän (Plantationocene) und Kapitalozän(Capitalocene). In diesen alternativen Bezeichnungen wird zudem deutlich, dass der Term Anthropozän indirekt unterschlägt, dass nur wenige Prozent der Menschen auf der Erde den Großteil der Ressourcen beanspruchen bzw. besitzen und dabei hauptsächlich die Umweltschäden und geologischen Veränderungen verursachen. Zudem könne der Begriff des Anthropozäns, als das Zeitalter des Menschen gelesen, auch suggerieren, dass der Mensch tatsächlich die Kontrolle über die ökologischen Veränderungen habe (Demos 2017, 31f, 85-89 und Haraway 2018, 137).
Querdenkende Wissenschaftler*innen plädieren außerdem dafür, den Term Anthropozän nicht nur als eine Zustandsbeschreibung, oder als eine bloße Summe aller Umweltprobleme zu verstehen. Der Paläontologe Reinhold Leinfelder fordert beispielsweise, ihn als Ausgangspunkt für einen neuartigen selbstreflektierenden Umgang mit der Welt zu nutzen, der aus einer dualistischen und hierarchischen Weltsicht herausführt. Fernab dieses Dualismus könne der Mensch so wieder als integraler Bestandteil der Natur verstanden werden. Was nach traditioneller Sicht als „Umwelt" bezeichnet wird, soll dabei nicht mehr lediglich als etwas uns Umgebendes, sondern als mit uns verwoben betrachtet werden. Dies versucht Leinfelder mit dem Term „Uns-Welt“ zu fassen (Leinfelder 2016).
Donna Haraway geht hier einen Schritt weiter und stellt fest, dass allein der sprachliche Rückbezug auf „anthropos“ das andauernde auf den Menschen gerichtete individualistische Denken zeige. Ein symbiotisches Umdenken aber könne nicht Anthropozän genannt werden, weswegen sie sich für das Chthuluzän ausspricht. Dies versteht sie als die Kultivierung von artenübergreifender Gerechtigkeit und der Abkehr der vorherrschenden Gedankenlosigkeit (Haraway 2018, 11 und 54ff) [3]. Eine Ethik, welche dabei menschliche und mehr-als-menschliche Existenzen einschließt und sie in ein irdisches Verwandtschaftsverhältnis zueinander bringt.
[1] Das Holozän ist die Bezeichnung des etwa zwölftausend Jahre umspannenden, bisher andauernden Zeitraumes seit der letzten Eiszeit. Holozän bedeutet sinngemäß „das ganz Neue“ und setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern hólos (ganz) und kainós (neu). Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Holozän
[2] #Klimaerwärmung, #Erosion, #Artensterben, #Plastik-, Beton-, nuklearen, chemischen und anderen Müll wie beispielsweise Technofossilien
[3] „Es ist eine bestimmte Sorte des Nichtdenkens, die das Desaster des Anthropozäns mit seinen beschleunigten Genoziden und Ausrottungen ganzer Spezies ermöglicht hat. Wie all das ausgeht, ist immer noch offen. Denken müssen wir. Wir müssen denken!“ (Haraway 2018, 54) Haraway bezieht sich hier auf Hannah Arendts Erläuterungen in deren Arbeit Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Arendt unterstreicht, dass der Naziverbrecher Adolf Eichmann, der für die Organisation der Deportation der Juden im Dritten Reich verantwortlich gewesen ist, nicht durch Hass oder persönlichen Rachemotiven, sondern allein aufgrund von Gedankenlosigkeit, also der Weigerung selbst zu denken und zu hinterfragen, geleitet war. Seiner Aussage beim Gerichtsprozess 1961 in Israel zu Folge wollte er nur seine Arbeit möglichst gut ausführen. Hier läge die Banalität des Bösen, so Arendt. (Arendt, Hannah. 1964. Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München: Piper)
Literatur:
Anderson, Kayla. 2015. „Ethics, Ecology, and the Future. Art and Design Face the Anthropocene." In: Leonardo. 48:4., 338f
Demos, T.J. 2017. Against the Anthropocene: Visual Culture and Enviroment Today, Berlin : Sternberg Press
Haraway, Donna J. 2018. Unruhig bleiben, Frankfurt/Main: Campus, 1. Aufl.
Schwägerl, Christian. 2016. „Die vermenschlichte Erde. Wie das Anthropozän den Blick auf Natur, Kultur und Technologie verändert." In: Mackert, Gabriele: Mensch macht Natur/ Humans Make Nature: Landschaft im Anthropozän, 42-65 Berlin/Boston: De Gruyter.
Links:
Leinfelder, Reinhold. 2016. “Über das Anthropozän. Der Mensch als geologischer Faktor" Radiobeitrag deutschlandfunk.Abgerufen am 14.09.2020.
https://www.deutschlandfunk.de/reinhold-leinfelder-ueber-das-anthropozaen-der-mensch-als.691.de.html?dram:article_id=453824
Podcast Burning futures 5. 2019. „Beyond The End Of The World?”. Abgerufen am 09.08.2020.
https://www.hebbel-am-ufer.de/en/podcast-burning-futures-5
Anthropocene Working Group. „athropocene curriculum”. Aufgerufen am 09.08.2020.
https://www.anthropocene-curriculum.org/project/anthropocene-working-group/
Demos, T.J. o.J. „Against the Anthropocene: Visual Culture and Enviroment Today" Abgerufen am 09.08.2020.
http://www.metropolism.com/en/features/39255_tj_demos_klimaatverandering_interview_reflections