„Solange unter Ökonomie kapitalistische Wachstums- und Mehrwertproduktion verstanden wird, ist damit die Ausbeutung der natürlichen Produktivität impliziert. Die Produktivität der Natur und die Produktivität des weiblichen Körpers sind die Voraussetzung für das Funktionieren der kapitalistischen Produktionsweise.“ (Bauhardt 2012, 15)
 

„Sustainable Livelihoods" bezeichnet ein feministisches Gegenkonzept zum gängigen Nachhaltigkeitsbegriff.
Das derzeit den politischen Diskurs dominierende Verständnis von Sustainability (Nachhaltigkeit) ist maßgeblich geprägt vom vielzitierten Bericht „Our Common Future“, welcher 1987 zur Vorbereitung auf den UN-Gipfel zu Umwelt und Entwicklung (1992 in Rio de Janeiro) verfasst worden ist. In diesem Papier wird zum ersten Mal in der Geschichte von Kolonialisierung und Kapitalismus eine Verantwortungsübernahme des globalen Nordens für die weltweite Zerstörung von Umwelt und Klima formuliert (Brundtland et al. 1987, 13 ff. ). Der Begriff Sustainability hinterfragt die Produktions- und Konsumweisen der Industrienationen und stellt  die Forderung, diese Muster und ihre Auswirkungen auf die Erde  zu verändern und in Hinblick auf die Zukunft nachhaltiger zu gestalten.
Der Nachhaltigkeitsbegriff bleibt hier aber grundsätzlich noch immer mit dem Ziel ökonomischen Wachstums verbunden. Dies soll zwar intergenerativ und global ausgeglichen sein und in Bezug auf natürliche und gesellschaftliche Ressourcen faire Teilhabe ermöglichen, die kapitalistische Wachstumsökonomie als solche wird jedoch nicht in Frage gestellt.

An diesem Punkt setzen ökofeministische Kritik und feministische Ökonomie-Kritik mit alternativen Konzepten an. Sie postulieren, dass es keine zukunftsfähigen Wege für Ökologie und Ökonomie geben kann, ohne die unterschiedliche Zugänglichkeit von ökonomischen, sozialen und natürlichen Ressourcen in Hinblick auf die Geschlechterhierarchie zu berücksichtigen. Unter der Prämisse, ökonomische, soziale und ökologische Verhältnisse seien nicht voneinander zu trennen, werden die Ausbeutung von Natur und die Unterdrückung der Frauen eng miteinander verknüpft. Primär geht es dabei um die, meist durch Frauen geleistete, soziale ReProduktions- und Carearbeit [1], die sich kostenlos angeeignet und als „Natur“ deklariert wird (Bauhardt 2012, 6 ff.).

Als Vorbereitung auf den Erdgipfel in Rio de Janeiro traf sich 1991 der World Women’s Congress for a Healthy Planet. Die Ideologie des freien Marktes und des maximalen, ökonomischen Wachstums wurden in ihren Grundsätzen kritisiert. Die Teilnehmer*innen identifizierten diese als die Ursache für die weltweite Zerstörung natürlicher und sozialer Gefüge und beschrieben einen engen Zusammenhang von Krieg und Militarismus, Nord-Süd-Ausbeutung, Verletzung von Menschenrechten und Unterdrückung der Frauen. Über unterschiedliche soziale, kulturelle und globale Perspektiven hinweg konnte ein Konsens darüber erarbeitet werden, dass bestehende Ungleichgewichte und nicht-nachhaltiges Wachstum  durch hohe Ausgaben etwa für das Militär, für post- bzw. neokoloniale Strukturanpassungsprogramme, ungerechte Handelsbedingungen, sowie einen durch traditionelle Geschlechterhierarchien bestimmten Zugang zu Ressourcen zwischen den Geschlechtern bedingt würde (ebd., 13 ff.).

Der Begriff Sustainable Livelihoods wurde folglich in der „Women’s Action Agenda 21“ [2] als radikaler Gegenbegriff zu Sustainable Development formuliert. Er beinhaltet eine Ablehnung des westlichen Entwicklungsbegriffs und die zentrale Forderung nach einer „[…] Erhöhung der Chancen der Menschen auf selbstbestimmte Ressourcennutzung und Lebensgestaltung“ (ebd., 14). Statt ‘freier Marktentfaltung’ und nachholender 'Modernisierung' sogenannter "Entwicklungsländer" stellt der Begriff die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt, und zwar unabhängig von globalem Norden bzw. Süden, sozialer Herkunft, Bildungsstand, Kultur oder Geschlecht. Ein gerechter Zugang zu und eine Verteilung von Ressourcen werden angestrebt, sodass alle Menschen nachhaltige Lebensformen finden und kultivieren können. 
Sustainable Livelihoods beinhaltet damit eine grundsätzlich andere „Auffassung von Wohlstand,  die nicht auf der kapitalistischen Wachstums- und Konsumideologie beruht“ (ebd., 3). Doch damit sich diese vielversprechende Alternative zum gängigen Nachhaltigkeitskonzept durchsetzen kann, braucht es einen grundlegenden Wandel in den politischen und ökonomischen Systemen des globalen Nordens.

 

[1] Der Begriff der ReProduktion (statt Reproduktion) soll die Produktivität sozialer ReProduktionsarbeit hervorheben, statt sie im hierarchischen Verhältnis mit Waren produzierender Lohnarbeit, abzuwerten (ebd., 12).

[2] “Women’s Action Agenda” ist der Titel der  verschriftlichten Stellungnahme, welche die gemeinsamen Zielvorstellungen der Frauen(-gruppen) zusammenfasst (ebd. , 13)

Links:
Bauhardt, Christine. 2012. Feministische Ökonomie, Ökofeminismus und Queer Ecologies – feministisch-materialistische Perspektiven auf gesellschaftliche Naturverhältnisse. Berlin: Gender Politik Online. Abgerufen am 08.09.2020.
 https://fu-berlin.de/sites/gpo/pol_theorie/Zeitgenoessische_ansaetze/Bauhardtfemoekonomie/Bauhardt.pdf 

Brundtland, Gro Harlem, Khalid, M., Angelli, S., Al-Athel, S. & Chidzero, B.J.N.Y. 1987. Our Common Future. New York: 8. Abgerufen am 28.09.2020. http://www.un-documents.net/our-common-future.pdf  

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