„Unter mir bereitete sich, einem unendlichen Zauberteppich gleich, die Ebene von Messara (...).
An diesen Toren des Paradieses machten die Nachkommen von Zeus auf ihrem Weg zur Ewigkeit halt, um einen letzten Blick auf die Erde zu werfen, und sie sahen mit Augen der Unschuldigen, daß die Erde wirklich das ist, was sie immer geträumt hatten: eine Stätte der Schönheit und der Freude und des Friedens."
Henry Miller, Der Koloß von Maroussi
„Das Beste aber ist das Wasser."
Pindar, Olympische Oden
„One paradise understood helps us understand all other paradises better."
Eudora Welty
(c) Bunkering Station SEKA S.A.
Ein kleiner, idyllischer Ort an der Südküste Kretas. 34º55'51'' Nord und 24º48'03'' Ost, sagt Google Maps. Siebzehn Häuser, und eine von Palmwedeln überdachte Bar direkt am Strand. Das Wasser glitzert in der Sonne. Es ist tiefblau und friedlich. Die Bucht ist gut geschützt vor Wind und Wetter, die Kiesel und der Sand kitzeln unter den Füssen. Kali Limenes bedeutet wörtlich ‘Gute Häfen’. An diesem paradiesischen Ort hat, der Überlieferung zufolge, Paulus auf seinem Weg nach Rom Zuflucht gefunden, als sein Schiff in schweren Sturm geriet.
Einzig eine große Infrastruktur-Anlage stört das Auge: Mitten in der Bucht, auf der kleinen Insel Mikronisi, thront eine Schiffstankstelle. In mehreren Silos wird hier Schweröl gelagert, mit dem Containerschiffe, Frachter und andere Boote betankt werden. Die Tankstelle wird von der Firma SEKA geführt. Das Wappen der Firma, dessen doppelte Flügel an Pegasus erinnern, ist auch am kleinen Seemanns-Club angeschlagen. Davor sitzen Arbeiter in der Sonne und rauchen [1].
Nur unweit von Kali Limenes liegen internationale Gewässer. Schiffe passieren diesen südlichsten Punkt Kretas auf ihrem Weg Richtung Suez-Kanal, Zypern, Beirut, Athen oder Gibraltar. Da es billiger ist, den Kanal mit wenig Tiefgang zu durchqueren, füllen manche von ihnen hier ihre Treibstoffreserven auf. Große Frachter ankern dafür weiter draußen und werden von den kleineren Tankschiffen beladen, die wie faule Fische in der Bucht herumliegen.
Neben neuem Treibstoff können Schiffe in Kali Limenes auch frisches Wasser ordern, das Schiff säubern [2] oder den Müll entsorgen lassen, und Crew-Mitglieder an- oder abmelden, die nicht aus dem Schengen-Raum stammen. Wer möchte, kann sich von der SEKA auch eine Auswahl kretischer Produkte aufs Schiff liefern lassen, darunter Honig, Olivenöl, Orangen, Tomaten, Gurken und frisches kretisches Meersalz. Es ist dann, als würde ein Teil des Paradieses verladen.
Paula und ich brauchen uns die Zutaten des Paradieses nicht in unsere Unterkunft oder ins Auto liefern lassen. Wir gehen einfach Mittagessen, ins Neo Panorama, auf der Suche nach einem neuen Über- oder Einblick.
[1] Die Filmerin und Autorin Paula Hildebrandt und ich haben insgesamt mehrere Tage in Kali Limenes verbracht, um den Ort besser zu verstehen. Unser Bestreben, als Künstlerinnen die Schiffstankstelle besuchen zu dürfen, wird aber auch nach mehrmaligen Anfragen von der SEKA abgelehnt. Paula versucht daraufhin schwimmend die Insel zu erreichen, ohne sie aber zu betreten. Später nehmen uns lokale Fischer gegen eine kleine Gebühr auf eine Fahrt rund um die Schiffstankstelle mit. Einer der Fischer, Minos, der nach dem mythischen ersten König Kretas benannt ist, erzählt uns während der Fahrt von Sicherheitsübungen der SEKA, bei denen eine Ölkatastrophe simuliert wurde. Ich frage Minos, ob er schon einmal auf der Insel gewesen ist. Er verneint. Und auch wir haben die Tankstellen-Insel nicht betreten können.
[2] Man fragt sich, ob dabei beispielsweise auch die großen Öltanks von Frachtern ausgespült werden, so dass kleine Ölpartikel ins Meerwasser geraten. Wenn sich hier Öl und Wasser treffen, dann ist das Paradies in Gefahr.
The Great Report, (c) Moritz Frischkorn
An der rechten Seite der Bucht führen ein paar Treppenstufen den Hügel hinauf. In der Taverne Neo Panorama sitzen ausschließlich Arbeiter der SEKA und essen gegrillten Fisch. Außer den bärtigen Männern, die mit ihren Walkie-Talkies Anweisungen geben, oder mit einem kleinen Schnellboot zur Tankerinsel übersetzen, scheint das ganze Dorf wie ausgestorben. Wir sind die einzigen Tourist*innen hier, und mich beschleicht der Eindruck, dass die Verlassenheit des Ortes kein Zufall ist.
Nach dem Essen versuchen wir Alexandra, die Kellnerin der Taverne, über die Schiffstankstelle und das leicht heruntergekommene Hotel auf der anderen Seite der Bucht auszufragen. Es scheint unbewohnt zu sein, trotzdem pflegt die Hausmeister-Familie rund um das Jahr den Rasen und den Swimmingpool. Dort würden einmal im Jahr rauschende Sommerparties gefeiert, mit arabischen Prinzessinnen, die im Hubschrauber [1] über das Meer geflogen kämen, berichtet Alexandra. Über die Tankstelle kann sie nicht viel sagen, außer dass sie von Haie bewacht würde, die vermeintlich rund um die Insel schwämmen.
Ob man Haie dressieren kann, wie Wachhunde? Kommen die Gäste aus Saudi-Arabien, oder doch aus dem Libanon, wie einst die phönizische Prinzessin namens Europa? Und verkleiden die Jungs sich dann als Stiere? Das Hotel, genau wie die Schiffstankstelle, gehört jedenfalls der reichen kretischen Familie Vardinogiannis.
[1] Einst hatte der geniale Erfinder Daedalus, der Erbauer des kretischen Labyrinths, gemeinsam mit seinem Sohn Ikarus versucht, die Insel fliegend zu verlassen. Als Ikarus der Sonne zu nahe kam, schmolz das Wachs, mit dem seine künstlichen Flügel befestigt waren, und stürzte, genau dort wo heute die Insel Ikaria liegt, ins Wasser und starb. Daedalus floh vor Minos, dem wütenden Herrscher Kretas nach Sizilien, wo er später von diesem gefunden wurde. Der wütende Streit zwischen dem Herrscher und seinem besten Technologen, der diesen aus Selbstschutz ermordet, stellt das Ende des Mythos von König Minos dar.
Die Vardinogiannis stammen aus dem kleinen Dorf Episkopi im Nord-Osten Kretas. Die Familie ist nicht reich, aber pflegt gute Beziehungen zur kretischen Politik und Armee. Nikos Vardinogiannis, der ältere Bruder des heutigen Firmenpatriarchs Vardis, erkennt die strategische Bedeutung der paradiesischen Bucht von Kali Limenes, und kauft dort 1961 einen Teil des Strands. Zunächst ankern dort einzelne Frachter, um größere Schiffe zu betanken, vor allem die Mittelmeerflotte der US-Armee. Bald kauft Nikos zu einem Freundschaftspreis vom griechischen Staat auch die Insel Mikronisi. Als es 1965 zu einem Tankerunglück an der Küste kommt, bei dem größere Mengen Rohöl austreten, wird dort die heutige Schiffstankstelle gebaut.
Mit der Akquise der Insel und des Küstenabschnitts haben die Vardinogiannis eine Goldgrube aufgetan. Um ungestört wirtschaften zu können, versuchen sie, die lokale Bevölkerung zu vertreiben. Doch nur wenig später wird auf die Unrechtmäßigkeit des Kaufs hingewiesen: Der Landstrich, den Nikos Vardinogiannis ursprünglich zu einem Spottpreis von lokalen Schäfern erstanden hatte, gehört eigentlich dem Kloster Ogiditria, das oberhalb von Kali Limenes in den Asterousia-Bergen liegt. Daraufhin kommt es zu einem Diebstahl: Unbekannte entwenden nicht etwa die berühmte Ikone Zoodochos Pigi, sondern das Grundbuch des Klosters, das seither verschollen ist.
Immer wieder kommt es in den Folgejahren zu Streitereien mit der lokalen Bevölkerung, die ihre verlassenen Häuser in Kali Limenes wieder aufbauen wollen. Als der kommunistische Bürgermeister des Nachbardorfs Pigaidakia sich entscheidet, zum Patriarchen nach Istanbul zu reisen, um dort eine Kopie des alten Grundbuches einzusehen, wird er am 28. April 1986 auf der Straße zwischen Pigaidakia und Pómbia erschossen. Die Täter werden nie gefasst.
Von Kali Limenes bauen die Vardinogiannis währenddessen ungestört ihr Firmenimperium aus. Im Herbst 1966 brechen sie das Erdölembargo gegen Süd-Rhodesien, im Jahr 1971 kaufen sie dem konkurrierenden Oligarchen Aristoteles Onassis die Raffinerie in Korinth ab. Zugleich investieren sie in Bohrvorhaben im nordafrikanischen und arabischen Raum. Heute gehören der Familie unter anderem einem Fußballclub und mehrere Fernsehsender, insgesamt ist sie an fast 100 Firmen beteiligt.
Shell-Tankstelle bei Pitsidia, betrieben von ‘Coral Energy’, Extra-Material ‘The Logistics of Paradise’, (c) Paula Hildebrandt
Obwohl die Kennedys und Clintons zu ihren Freunden zählen, Anwesen in London und Athen zu ihrem Besitz gehören, und sie im Winter in St. Moritz Ski fahren gehen, kommen die Vardinogiannis jeden Sommer nach Kali Limenes, um hier zu entspannen. Können sie nicht genug bekommen von den Wellen des libyschen Meeres, von den kretischen Oliven und dem Honig? Oder sind sie nur an diesem abgeschiedenen Ort unsichtbar, versteckt vor Neidern, den Kräften des Marktes, und den Fäden der Moiren? Hier können sie nackt baden, und sich in eine Zeit vor ihrem eigenen Sündenfall zurück imaginieren.
Was willst Du eigentlich über diese Oligarchen herausfinden, fragt mich Paula. Was fasziniert Dich so an ihnen? Sind es männliche Fantasien von Reichtum, Einfluss und Macht? Sie hat Recht: Mich fasziniert, dass diese Männer mit ihrem Geld und ihren Verbindungen das Geschick der Insel im Verborgenen bestimmen. Außerdem tanken nicht nur Schiffe, sondern auch wir selbst, bei den Vardinogiannis. Vermittelt über ihre Tochtergesellschaft Coral Energy betreibt die Familie alle Shell-Tankstellen in Griechenland, und damit auch auf der Insel Kreta. Wer mit dem Mietwagen die paradiesische Bucht von Kali Limenes besuchen möchte, der muss womöglich, ohne es zu wissen, bei ihnen einkaufen.
Paula und ich tanken erst auf dem Rückweg. Dann baden wir am Strand von Kommos.