Wanuri Kahiu und ihr ökofiktionaler Kurzfilm Pumzi


Protagonistin des Science-Fiction-Kurzfilms „Pumzi” [1] (Swahili: Atem, 2009) der Filmemacherin Wanuri Kahiu ist Asha, die in einer fiktiven Zukunft 35 Jahre nach dem Dritten Weltkrieg, dem „Wasserkrieg“, lebt. Zusammen mit anderen Menschen der Maitu-Community befindet sie sich in einer abgeriegelten Einheit unter der Erde, mit der Überzeugung gefüttert, auf der Erdoberfläche sei alles tot und verwüstet, wodurch ein Leben auf dieser nicht mehr möglich sei. Im Inneren leben die Menschen in einer autokratischen, matriarchalen und technikbasierten Klassengesellschaft, welche den täglichen Lebensrhythmus formt. Wie alle anderen Bewohner*innen recycelt Asha ihre flüssigen Körperausscheidungen zu trinkbaren Wasser, besitzt aber als Kuratorin des „Virtual History Museum” das Privileg, im Vergleich zu Anderen, nicht mit ihrer Körperkraft für die Deckung des Energie- und Wasserbedarfs sorgen zu müssen.

Obwohl Asha, dem autoritären System folgend, ein Traum-Hemmungsmittel nimmt, hat sie eines Tages eine starke Vision von der Möglichkeit eines gedeihenden und lebenden Baumes auf der Erdoberfläche. Diese Vision ist so stark, dass sie sich nicht davon abbringen lässt, nach dem Herkunftsort der ihr zugekommenen fruchtbaren Erde zu suchen. Sie entkommt der ihr für eigenmächtiges Handeln drohenden Bestrafung durch körperliche Zwangsarbeit und flieht durch einen Schacht nach draußen, den bereits keimenden „Maitu“ Samen im Gepäck. Als sie den vermuteten fruchtbaren Standort erreicht, bietet sie, darauf hoffend neues Leben in der Sandwüste zu ermöglichen, der Pflanze ihren verscheidenden humanen Körper als Wasserquelle und potentiell nährenden Humus an. 

Wanuri Kahiu äußert, dass sie vor allem den Menschen in seiner Rolle als Mutter herausarbeiten wollte. Die Mutter beschreibt sie als eine Figur, welche die Sorge um die Natur in sich trägt und dabei versucht, die diese zu nähren, so wie sie selbst von der Natur genährt wird. Sie spricht explizit von der Notwendigkeit, sich mit der Natur zu verbinden und dabei Opfer in Form von Verzicht zu bringen, wodurch eine Welt erschaffen werden kann, welche in der Zukunft Bestand hat (Chelimo Ali 2020). Indem der menschliche Körper als Nährboden für die Pflanze dient, wird zudem auch dessen eigene Zugehörigkeit zur Natur deutlich. Der vergehende menschliche Körper ist dabei potentiell offen gelassener Raum für das noch kommende Leben und wird im Sinne eines Miteinander-Werdens angeboten. Allerdings eröffnet ein Kameraschwenk am Ende des Filmes die Frage, ob der Mensch überhaupt als Welten-rettende Figur verstanden werden sollte. Der Schwenk offenbart eine grüne dichte Waldlandschaft abseits der Wüste und es bleibt offen, ob diese bereits besteht oder ein Ausblick in die Zukunft darstellt.
Der Film kann zudem eine Anregung sein, die  Gesellschaftsformen, in denen wir leben zu reflektieren: Inwiefern und mit welchem Ausmaß tragen beispielsweise Strafgefangene in den USA zu dessen wirtschaftlichen Wachstum bei und wie weit reichen die bereits fortschreitenden Privatisierungen und Kapitalisierung von natürlichen Ressourcen wie Wasser und Luft? 
Der Traum oder auch die Vision, als wiederkehrendes Motiv im Film, ist für die Filmemacherin Symbol und ebenso produktives Werkzeug für Hoffnung und Freiheit (Chelimo Ali 2020).  Asha entscheidet sich, das genormte Wissen über die Zustände der Erde zu hinterfragen und auf ihre innere Vision zu vertrauen: Ein widerständiges Denken, welches dabei die wörtliche Übersetzung von Maitu (Kikuyu: „unsere Wahrheit“) ins Visier nimmt.
 


Wanuri Kahiu (*1980, Nairobi) ist Filmemacherin, Schriftstellerin und Kuratorin. Mit der eigenen Fragestellung konfrontiert, welche Geschichten sie über den afrikanischen Kontinent erzählen möchte, entwickelte sie das Genre AFROBUBBLEGUM. Sie selbst stellt fest, dass die medial dominierenden Bilder und Vorstellungen Afrikas, einseitige Erzählungen von Armut, Krankheit und Korruption oft nicht überschreiten. Ohne negieren zu wollen, dass es absolut wichtig ist ernste Themen und lebensbedrohliche Realitäten mit Hilfe von künstlerischen Arbeiten aufzuzeigen, fordert sie mit dem Neologismus AFROBUBBLEGUM eine größere Sichtbarkeit von künstlerischen Produktionen ein, welche mehr der existierenden positiven Bilder des vielschichtigen Kontinents bergen. Diese dürfen der Namensgebung entsprechend quietschig bunt, lustig, wild und albern sein, ohne dabei eine bestimmte politische Agenda aufgrund von finanziellen Förderungen verfolgen zu müssen. In dieser Ungebundenheit und im Aufzeigen der breiten Palette an menschlichen Erfahrungen, wie auch Träumen, sieht sie das politische Moment des Begriffs und der damit verbundenen Intention, freudig bejahende und Hoffnung bringende Filme, Bilder und Musik in ihrer Breite zu etablieren und somit dem Zerrbild „Afrika“ in der Welt entgegenzuarbeiten (Kahiu 2017). Mit dieser gemeinsamen Vision haben sich weitere Musiker*innen, Zeichner*innen und Filmemacher*innen mit ihr zu dem Kollektiv AFROBUBBLEGUM zusammengeschlossen, um eben jene, zu diesem Genre passenden, Arbeiten zu sammeln, zu pflegen und auch zu produzieren, wie es aus der offiziellen Homepage von Afrobubblegum hervorgeht. Bezüglich der Einordnung ihrer Arbeit in das Genre Afrofuturismus äußerte sie unter anderem im TedXEuston Talk „No more labels”, dass der Term einen sehr spezifischen Kontext einerseits ermöglicht, aber auch eingrenzt. Die Frage nach der Bedeutung einer bereits stattfindenden Kapitalisierung von natürlichen Ressourcen, wie Wasser und Luft, welche sie in Pumzi thematisiert, ist dabei keine allein afrofuturistische, sondern eine viel Allgemeinere, alle Menschen betreffende (Kahiu 2013).


Ein Querverweis:
Ihr 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigter Film Rafiki, der von der Liebe zweier Mädchen in Nairobi erzählt, wurde in Kenia zensiert.

[1] Aktuell ist der Kurzfilm auf Youtube zu finden. Abgerufen am 15.06.2020. https://www.youtube.com/watch?v=IlR7l_B86Fc 

Links:

AFROBUBBLEGUM. „About” abgerufen am 15.09.2020, https://www.afrobubblegum.com

Kahiu.Wanuri. 12.09. 2017. „The TED Talk” Abgerufen am 15.09.2020 . https://www.youtube.com/watch?v=a_avBsX60-s) 

Kahiu, Wanuri. 07.12.2013.„No more labels. Wanuri Kahiu at TEDxEuston” Abgerufen am 22.09.2020. https://www.youtube.com/watch?v=4--BIlZE_78

Kahiu, Wanuri. 2020. „Artist Cinemas presents Wanuri Kahiu, Pumzi, École du soir: Six Films, from Rwanda and Beyond - Week #6” Interview von Shariffa Chelimo Ali. Abgerufen am 22.09.2020. https://www.e-flux.com/video/334045/wanuri-kahiu-nbsp-pumzi


 

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