In seiner künstlerischen Forschung verschränkt Tomás Saraceno Sozialwissenschaften, Biologie, Physik, Architektur und Kunst und kooperiert hierfür mit wissenschaftlichen Institutionen wie dem Max-Planck-Institut, dem Senckenberg-Institut oder dem Massachusetts Institute of Technology (Studio Thomás Saraceno [STS] o. J.).
Saraceno untersucht Eigenschaften komplexer Systeme und Strukturen wie Wolken, Seifenblasen, Sphären und Spinnweben. Diese überträgt er in seiner künstlerischen Arbeit auf menschliche Lebenswelten, basierend auf Forschungsergebnissen und -prozessen. In einer alten Fabrik in Berlin-Rommelsburg forscht er mit einem multidisziplinären Team aus den Bereichen Design, Architektur, Ingenieurwesen, Biologie und Musik an neuen künstlerischen Konzepten zur Entwicklung möglicher Erfahrungen und Lebensräumen in einer utopischen, emissionsfreien Welt (ebd.).
Mit seinen oft raumfüllenden und interaktiven Installationen und Skulpturen versucht er, Menschen für die vielfältigen Dimensionen ihrer Umwelt zu sensibilisieren. Er schafft „reale Utopien” für ökologische und synergetische Lebens- und Bewegungsräume der Zukunft. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf das Leben auf der Erde, sondern bezieht auch die Möglichkeit urbaner Architektur auf anderen Planeten und im Weltall ein. Schwebende Skulpturen, beispielsweise luftgefüllte Sphären aus transparentem Plastik, umwoben von netzartigen Geweben aus Seilen, visualisieren seine Visionen von „Cloud Cities”; Zukunftsstädte, die in der Luft schweben.
Das Open-Source-Projekt zu künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung „Aerocene” ist begründet auf Saracenos ökologischen Visionen und erforscht Konzepte zu emissionsfreier Mobilität in der Luft (Aeroncene, o.J.).
Besondere Aufmerksamkeit widmet er seit einiger Zeit der Arachnologie (Spinnenforschung). Er besitzt eine dreidimensionale Sammlung an Spinnennetzen (art in düsseldorf, o. J.) und erforscht unter anderem die Unterschiedlichkeit der Netzstrukturen und das Sozialverhalten verschiedener Spinnenarten. Auf der Webseite arachnophilia.net werden verschiedene Projekte und Ergebnisse aus Saracenos künstlerischer Spinnenforschung veröffentlicht, zum Beispiel dazu, wie die nahezu blinden Spinnen durch die Vibrationen des Spinnennetzes ihre Umwelt wahrnehmen und miteinander kommunizieren.
Mit der Smartphone-App „Arachnophilia” ist es Nutzer*innen möglich, Fragen an eine Spinne zu stellen und eine Antwort in Form von Vibrationen zu erhalten (Blatt 2019).
Im K21 (Kunstsammlung NRW) in Düsseldorf bespielt er einen Künstlerraum und – mit einer begehbaren monumentalen Installation – die gesamte Decke des Gebäudes.
Der Künstlerraum ist völlig abgedunkelt, nur jeweils ein Spot beleuchtet die hängenden, kubischen Metallgestelle, zwischen denen er Spinnen ihr Netz hat weben lassen. Bei jeder Bewegung in der Nähe der wolkenartigen Netze kann man die aufgewirbelte Luft in der Schwingung des Netzes erkennen. Diese dreidimensionalen Spinnennetze entstehen bei sozialen Spinnenarten, die ihr Netz gemeinsam weben. Diese seien zwar interspezifisch in der Unterzahl, insgesamt aber erfolgreicher als ihre weniger sozialen Artgenossen (Blatt 2019).
Die Formen dieser und weiterer erforschter Spinnennetze waren Grundlage für Saracenos „in orbit”. 2500 Quadratmeter begehbares Stahlnetz sind in drei Ebenen in 25 Meter Höhe unter die Glaskuppel des K21 gespannt, luftgefüllte Sphären aus transparentem Plastik bilden innerhalb des Netzes eine utopische Wolkenlandschaft.
Jede Bewegung eines Menschen auf der Installation verursacht Schwingungen, die über das gesamte Netz merkbar sind. Ähnlich wie die Kommunikation sozialer Spinnenarten, die über die Vibration ihres gemeinsamen Netzes kommunizieren, entsteht so ein Austausch, eine Kommunikation, zwischen den Besucher*innen, die über Sprache und Gestik weit hinaus geht.
Die Beziehung von Mensch und Spinne ist oft durch Aversionen und Ängste geprägt. Mit seinen Installationen schafft Saraceno Immersionsräume, die uns Menschen eine andere Wahrnehmung der Spinnen und ihrer faszinierenden Fähigkeiten ermöglichen.
Links:
Aerocene. 2018. „AEROCENE MANIFESTO: aeronauts unite!” Abgerufen am Datum: 04.10.2020. https://aerocene.org/manifesto_2020/
Blatt, Sven. 2019). Künstlergespräch: „Tomás Saraceno im K21 – Mit dem Mikrokosmos den Makrokosmos erklären … " Abgerufen am Datum: 04.10.2020. http://www.kunstduesseldorf.de/kunstlergesprach-tomas-saraceno-im-k21-mit-dem-mikrokosmos-den-makrokosmos-erklaren/
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. „Tomás Saraceno – in orbit". Abgerufen am: 04.10.2020.
https://www.kunstsammlung.de/de/exhibitions/tomas-saraceno-in-orbit/
Nedo, Kito. 2019. „Porträt des Künstlers Tomás Saraceno: Arachnophilia". Abgerufen am: 04.10.2020. https://www.sueddeutsche.de/kultur/portraet-des-kuenstlers-tomas-saraceno-arachnophilia-1.4728417
Studio Tomás Saraceno (o. J.). „Studio Tomás Saraceno". Abgerufen am: 04.10.2020. https://studiotomassaraceno.org/about