Das Zeitalter des Chthuluzäns
„Was muss durchschnitten und was muss verknüpft werden, damit artenübergreifendes Gedeihen auf dieser Erde eine Chance hat; ein Gedeihen, das menschliche und anders-als-menschliche Wesen in die Verwandtschaft miteinschließt?“ (Haraway 2018, 11)
„Wir leben [...] in unruhigen Zeiten“ (ebd., 3), konstatiert Donna Haraway in ihrem 2016 erschienen Buch „Staying with the trouble”. Die zerstörerischen Kräfte des Anthropozäns und Kapitalozäns, welche unsere Welt sukzessiv beeinflussen und radikal verändern, bilden den Ausgangspunkt ihrer spekulativen Überlegungen zur Gestaltung einer zukünftigen Gemeinschaft.
Haraway imaginiert in ihrer Science Fiction entlehnten Erläuterung einen Kosmos nach dem Scheitern der institutionellen und kapitalistischen Mechanismen unserer vom Menschen dominierten Welt (ebd., 47). Zu den tradierten und zugleich überkommenen Antworten auf die Erschütterungen des Anthropozäns zählt sie eine Rückbesinnung auf die scheinbar rettenden Kräfte der Technik oder auf göttliche Mächte – neben solchen reaktionären Haltungen legen verschiedene Wissenschaftler*innen und Kritiker*innen eine pessimistische Weltuntergangsrhetorik an den Tag, um die rapiden, ökologischen Veränderungen zu beschreiben (ebd., 11f).
Anstelle einer Bestätigung dieser dystopischen Prognosen entwirft die Autorin mit ihrem spekulativen Ansatz alternative Bilder der Zukunft. Resultat dieser Gedankenspiele ist das utopische „Zeitalter des Chthuluzäns"; eine erfinderische Phase, in der eine Vernetzung mit „Orten, Zeiten, Materien, Bedeutungen“ zur Auflösung der Vorstellung einer Grenze zwischen Lebewesen und Menschen führt (ebd., 9ff). Basierend auf einer Freude am Kreativen und einer kollektiv geführten Arbeitsweise soll ein Zeitort der Auseinandersetzung und des gegenseitigen Lernens entstehen (ebd., 48). Das Chthuluzän, das Haraway ausruft, steht maßgeblich für eine grundlegende Veränderung der sozialen Interaktion, in die nunmehr alle Lebewesen der Erde einbezogen werden (ebd., 141f) .
Eine Befreiung aus den Fängen des Anthropozäns lokalisiert sie in dem Prozess des sich-verwandt-machens, in dem „göttliche, genealogische und biologische“ (ebd., 10) Verwandtschaftsverhältnisse zurückgewiesen werden. Die aktive Einbeziehung von nicht-humanen Lebewesen in verwandtschaftliche Gefüge bedingt neue weitläufige Bündnisse (ebd., 141). Ziel dieses Perspektivwechsels ist eine „artenübergreifende ökologische Gerechtigkeit“ (ebd., 141) – kein Egoismus der Spezies, sondern eine Symbiose von Arten. Denn Donna Haraway stellt fest: letztendlich sind alle irdischen Lebewesen „verwandt" (ebd., 142).
Literatur:
Haraway, Donna. 2018. Unruhig Bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Frankfurt, New York: Campus.
Haraway, Donna. 2016. Staying with the Trouble. Durham, London: Duke University Press.