Stimmen für die Stimmlosen: Bruno Latours Parlament der Dinge und künstlerische Gegenmodelle
Wie ist es möglich denen, die nicht für sich selbst sprechen können, Gehör zu verschaffen? Bruno Latour entwarf mit dem „Parlament der Dinge” bereits 1999 ein Modell politischer Ökologie, nach dem nicht-menschliche Wesen ein politisches Stimmrecht beanspruchen. Auch Künstler*innen sehnen sich nach einer artenübergreifenden Kommunikation - mit einem entscheidenden Unterschied.
Das Parlament der Dinge
Schon in der Renaissance wurde Natur, und damit verbunden auch ihren nicht-menschlichen Wesen, eine Art Objektstatus zugesprochen, dessen ökonomischer Nutzen von der Gesellschaft durch fortschreitende Innovationen aktiv ausgeschöpft wurde (Raffelsiefer 1999). Bis heute scheint sich an diesem Verhältnis nur wenig geändert zu haben, so beruht unsere moderne Verfassung noch immer auf der Trennung von Natur und Gesellschaft. Der Soziologe und Philosoph Bruno Latour setzt diesem Paradigma 1999 das „Parlament der Dinge” entgegen (Latour 2001). In seinem gleichnamigen Buch entwirft Latour eine neue Verfassung politischer Ökologie, die - entgegen der Moderne - nicht-menschliche Wesen und Hybride als Aktanten anerkennt und in den politischen Diskurs mit einbezieht. Nach Latour zeichnet sich das modernistische Denken durch die strikte Trennung und Differenzierung zwischen der Natur als einer passive Sphäre der nicht-menschlichen Wesen und unbelebten Objekte, und der Gesellschaft als einer Sphäre der aktiven Subjekte aus (Ruffing 2009, 69).
Jene strikte Trennung sei aber nur vordergründig möglich, denn unbewusst finde eine ständige Vermittlung, eine stetige Hybridisierung von Natur, Dingen und Gesellschaft zu Aktanten statt. Dieser Vermittlungsarbeit stellt Latour den Begriff der Reinigung gegenüber, der die Anstrengungen der modernen Verfassung beschreibt, die Hybride wieder voneinander zu trennen und in Natur und Gesellschaft zu unterteilen (ebd., 70). Dass jene Reinigungsarbeit, und damit verbundene Dichotomie von Natur und Gesellschaft, mit der Bewusstwerdung des Anthropozäns und der ökologischen Krisen überdacht und neu verhandelt werden muss, scheint evident. Doch wie können Aktanten an einem Diskurs teilhaben, der nur von Menschen geführt wird und wie lassen sich die tradierten Dichotomien überwinden?
In Latours Parlament der Dinge werden die Aktanten durch eine von Menschen geführte Lobby vertreten. Das Parlament selbst konstituiert sich aus einem Ober- und Unterhaus. Während das Oberhaus mit der Konsultation des spezifischen Sachverhalts beschäftigt ist, entscheidet das Unterhaus über mögliche Anträge und Mitgliedschaften. Wichtiger als die reine Faktizität ist für die Bewilligung der Anträge und Mitgliedschaft dabei der Nutzen für das Kollektiv (ebd., 71f). Rainer Ruffing erklärt die Abläufe des Latour’schen Parlaments wie folgt:
„Das Oberhaus fragt, ›Welchen Versuchen müssen wir euch unterwerfen, um uns in die Lage zu versetzen, euch zu verstehen und zum Sprechen zu bringen?‹ (...) ›Wer kann am besten die Qualität eurer Vorschläge beurteilen?‹ (PD:213f) Das Oberhaus gibt die Instrumente an die Hand – Erhebungen, Statistiken, Untersuchungen – um zu prüfen, was an dem Begehren Mitglied zu werden dran ist. In der zweiten Kammer – dem Unterhaus – werde nun darüber entschieden, ob die so geprüften Propositionen mit dem Kollektiv kompatibel sind oder nicht. Eine Reihe der vorgeschlagenen Diskussionen finden ihren Eingang in das Kollektiv, doch andere müssen draußen bleiben.“ (ebd., 72)
Künstlerische Gegenmodelle
Dass eine solche Vorstellung zunächst verlockend erscheint, bezeugen u.a. künstlerische Arbeiten im Kontext der Multispezies-Kommunikation, wie etwa The Golden Snail Opera (2016) von Anna Lowenhaupt Tsing, Yen-Ling Tsai, Isabelle Carbonell und Joelle Chevrier.
In ihrer spekulativen und partizipativen Video-, Performance- und Forschungsarbeit treffen Aktanten - darunter das Meer, Schnecken und Plastik - auf eine Gemeinschaft von Farmer*innen [1]. Unklar ob in einem Parlament im Geiste Latours oder in einer andersartigen Konstellation diskutieren Aktanten und Akteure hitzig über zwei real existierende, sehr gegensätzliche, Methoden der Schneckenbekämpfung in Taiwan: Dem sog. “Friendly Farming”, dessen Anhänger*innen Schnecken per Hand auflesen und zugunsten einer artenübergreifenden Lebensweise untersuchen, und dem flächendeckenden Einsatz von Schneckengift (Tsai 2016, 523f). In dem spekulativen Szenario gelingt die spezies-übergreifenden Kommunikation und daraus resultierende Sensibilisierung zugunsten nicht-menschlicher Belange schlussendlich - doch ließe sich selbiges auch von Latours Parlament der Dinge behaupten?
Nur bedingt - denn so reizvoll die Vorstellung einer neuen, Aktanten einbeziehenden, politischen Ökologie auch sein mag, so stark unterscheidet sich die Multispezies-Kommunikation der Golden Snail Opera von der Kommunikation des Latour’schen Konstrukts: Während das spekulative Szenario seinen Aktanten tatsächlich eigene, vom Menschen unabhängige, Stimmen verleiht [2], werden die Aktanten in Latours Parlament noch immer ausschließlich durch Menschen repräsentiert. Wenngleich dies dem Realitätskoeffizienten seines Konzepts sicherlich zu Gute kommt, gilt selbiges wohl weniger für die nicht-menschlichen Entitäten, über deren Relevanz und Belange noch immer die Gesellschaft bestimmt.
Im Second Nature Lab lenkt die Environmental Performance Agency (EPA) die Aufmerksamkeit der Teilnehmer*innen ihres Lab Moduls „Multispecies Care“ ebenfalls auf die diversen nicht-menschlichen Wesen aus der eigenen Umgebung. Was für Vorstellungen einer spezies-übergreifenden Kommunikation und Fürsorge werden sich über die Laufzeit des Workshops wohl entwickeln?
[1] Begleitet wird die Oper dabei von einem Skript, welches die Rezipient*innen dazu auffordert, die Dialoge an spezifischen Stellen laut vorzutragen und an anderen Stellen wiederum die beigefügten Videosequenzen abzuspielen. Vgl. Tsai 2016, 520f.
[2] Genau genommen werden die verschiedenen Aktanten im Skript der Oper von einem umherwandernden Geist vertreten, dessen Essenz in allen Aktanten enthalten ist. Vgl. ebd., 528.
Literatur
Latour, Bruno. 2001. Das Parlament der Dinge: für eine politische Ökologie, Frankfurt: Suhrkamp. ( Erstveröffentlichung im Original auf Französisch 1999)
Ruffing, Rainer. 2009. Bruno Latour. Paderborn: W. Fink.
Links:
Raffelsiefer, Marion. 1999. “Naturwahrnehmung, Naturbewertung und Naturverständnis im deutschen Naturschutz - eine wahrnehmungsgeographische Studie unter besonderer Berücksichtigung des Fallbeispiels Naturschutzgebiet.” Abgerufen am 16.09.20. https://duepublico2.uni-due.de/receive/duepublico_mods_00005023
Tsai, Yen-Ling. November 2016. «Golden Snail Opera: The More-than-Human Performance of Friendly Farming on Taiwan’s Lanyang Plain» Cultural Anthropology, 31(4): S. 520-544. Abgerufen am 29.08.20. https://www.researchgate.net/publication/310436192_Golden_Snail_Opera_The_More-than-Human_Performance_of_Friendly_Farming_on_Taiwan%27s_Lanyang_Plain